Keine Drogen mehr
…bzw keine neuen Medikamente mehr. Denn die sonst immer als stabil geltende Pharmaindustrie könnte zum unsicheren Hafen werden. Es gibt zwar immer neue verrückte Krankheiten – siehe Schweinegrippe als jüngstes Beispiel -, aber der Marktzugang für neue Präparate wird von den Zulassungsbehörden erschwert; und wir stehen vor der Pharmakrise.
Über Jahrzehnte reichte es für die Zulassung eines neuen Medikaments aus, dass es wirkte. Besser als die vorhandenen Präparate musste es nicht
sein. Somit kamen immer mehr teure Medikamente für dieselben Krankheiten auf den Markt, die Kosten stiegen, aber nicht der Nutzen für die Patienten.Erst in den vergangenen Jahren hielten ökonomische Prinzipien in der verkrusteten Gesundheitsplanwirtschaft Einzug. Um eine Zulassung zu bekommen, müssen Medikamente heute der besten bereits etablierten Therapie, dem Goldstandard, überlegen sein. Nur wenn ein Zusatznutzen besteht, also etwa Patienten durch die Einnahme eines Krebs-medikaments deutlich länger leben, geben die Behörden wie die europäische Emea noch problemlos ihr Plazet.
Nicht mehr nur neu muss eine Arznei sein, sondern auch besser. Und die De-finition dieses Mehrwerts wird immer strenger, wie Ende Juli der Darmstädter Merck-Konzern bitter erfahren musste: Das wissenschaftliche Komitee der Emea empfahl, den großen Hoffnungsträger Erbitux für die Behandlung einer Krebsart nicht zuzulassen. Knappe Begründung: nur geringe Vorteile gegenüber der Standardtherapie.
(Quelle: manager magazin 09/2009 v. 21.08.2009, Seite 44 ff.)
Dabei prüft die britische Behörde, das National Institute for Health and Clinical Excellence (Nice), neue Medikamente wohl noch strenger und systematischer als die Zulassungsstellen, ob ein Produkt wirklich einen echten Zusatznutzen für den Patienten bringt. Dem wird sich anscheinend auch das deutsche Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in Zukunft anschliessen und wird angeblich innovative Medikamente auf ihr Kosten-Nutzen-Verhältnis überprüfen.
“Wir müssen nachweisen, dass unsere Produkte mit hoher Gewissheit sowohl eine positive medizinische Wirkung bieten als auch Kostenvorteile für die Gesundheitssysteme”, sagt Joseph Jiminez, Chef der Novartis-Pharmasparte.
Schon krass, dass auf ein Menschenleben an der Uni gelehrte Theorien bezüglich Kosten-Nutzen-Rechnung angewandt werden…aber wenn die Regierungen hier nicht (ähnlich wie im Kriegsfall über Soldaten als Kanonenfutter) entscheiden, dann stirbt das sowieso schon stark erkrankte Gesundheitssystem der westlichen Hemisphäre.
Und so muss auch ein Andreas Fibig, Chef von Bayer Schering Pharma und zuvor Manager beim Pharmakonzern Pfizer, Kosten reduzieren und als Costcutter hart durchgreifen. Aber “… Auch künftig entscheidet nichts so sehr über Wohl und Wehe eines Pharmaherstellers wie die Forschung”, sagt Rolf Krebs, Aufsichtsratsvorsitzender bei Merck und Ex-Chef von Boehringer Ingelheim. “Gebraucht werden Substanzen, die wirkliche Fortschritte in der Therapie bringen.” Deswegen sagt der ehemalige Deutschland-Chef von GlaxoSmithKline, Thomas Werner: “Bayer, Boehringer und Merck sind viel zu klein, um die gewaltigen Herausforderungen der Pharma-Neuzeit allein zu meistern. Sie sollten sich lieber früher als später zusammentun und einen überlebensfähigen deutschen Pharmagiganten schmieden.” Er glaubt, dass in Zukunft uch etablierte Arzneimittelhersteller pleite gehen werden.
Allein bis 2012 laufen weltweit Patente im Wert von rund 100 Milliarden Euro aus. Gleichzeitig wird der Druck auf die Firmen in den Industriestaaten, wo sie mehr als 80 Prozent ihres Geschäfts machen, immer stärker: Sie müssen Preise senken oder bekommen für ihre Hoffnungsträger in den Pipelines erst gar keine Zulassung mehr.
…
Damit gerät die Hochpreispolitik von Big Pharma, mit der die Konzerne ihre milliardenschwere Forschung finanzieren, in akute Gefahr. Da die Entwicklung innovativer Medikamente auch künftig das wichtigste Erfolgskriterium sein wird, könnte sich das Geschäftsmodell der Firmen folglich auflösen wie eine Aspirintablette in einem Glas Wasser.
(Quelle: manager magazin 09/2009 v. 21.08.2009, Seite 44 ff.)
Passend zu dem Thema verunsichert Johnson & Johnson kürzlich die Anleger:
Viele Anleger zeigten sich von den Umsatzzahlen des Pharmakonzerns Johnson & Johnson enttäuscht. Der Konzern verfehlte im dritten Quartal [2009] beim Umsatz die Markterwartungen, erwirtschaftete aber einen höheren Gewinn und hob auch die Gewinnprognose für das Gesamtjahr an. Es gehe in dieser Berichtssaison allerdings nur darum, ob die Unternehmen starke Wachstumszahlen präsentierten, sagte Dave Rovelli von Canaccord Adams.
…
Johnson & Johnson (J&J) verbuchte im dritten Quartal einen stärker als erwartet ausgefallenen Umsatzrückgang von 5,3 % auf 15,08 Mrd. $. Die Anteilscheine des Konzerns gaben um 2,4 % nach. Der Nettogewinn sei um 1,1 % auf 3,35 Mrd. $ oder 1,20 $ je Aktie geklettert, teilte J&J vor US-Börsenbeginn mit.
(Quelle: Financial Times Deutschland)
Dieser sich ankündigende Megatrend in der Gesundheitsbranche könnte nur temporär durch das große Reformvorhaben von Präsident Barack Obama aufgehalten werden. Allerdings befürchte ich, dass die Zustimmung des Senats zum neuen amerikanischen Gesundheitssystem die USA endgültig ins ‘finanzielle Aus’ schiessen dürfte…
…also Morgan Stanley Healthcare Payor Index “an Dich und bleibt Brief”.
Gutes Gelingen,
Juergen
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Tags: Drogen, Gesundheitsreform, Gesundheitssystem, Pharmaindustrie, Pharmakrise, Reformkrise, Wirtschaftskrise



Am 30. November 2009 um 16:34 Uhr
Passend zu dem Thema kommt gerade rein…
(Quelle: Merck KGaA)