Verbrannte Quellen

Rußlands Ölgesellschaften fördern viel und investieren wenig. Ändert sich das nicht, schrumpfen bald die Liefermengen

von Jens Hartmann

Der Schein der Erdgasfackeln färbt beim Landeanflug auf Samotlor die sibirische Nacht in apokalyptisches Rot. Die Schnee- und Eiswüste wird zu einem Feuerland. Die Gasfackeln erinnern mit ihrem unruhigen Licht an Kerzen auf einer schneeweißen Geburtstagstorte. Feierlich künden sie von verschwenderischem Reichtum. Rußland kann es sich bei Erdölpreisen von nun gut 70 Dollar pro Barrel leisten, das teure Gas, das bei der Erdölproduktion als Nebenprodukt anfällt, in den Himmel auszustoßen.

Sinkende Fördermengen

Die überwältigende Mehrheit der russischen Ölfelder hat ihre besten Zeiten hinter sich. Fachleute nennen sie “Post-Peak-Fields”, was heißt: Die maximale Fördermenge gehört der Vergangenheit an. Es geht abwärts. Die Kosten für jede Tonne, die dem Boden abgetrotzt wird, steigen kontinuierlich. Der Rahm ist abgeschöpft.

Das ist bei den hohen Ölpreisen noch kein Problem. Aber was, wenn sie fallen sollten? Für Rußland stellt sich die Frage: Wie will das Land seine Ressourcen effizient managen? Präsident Wladimir Putin spricht von der “Weltmarktführerschaft in der Energieversorgung”. Rußland verfügt über die größten Erdgas- und achtgrößten Erdölvorkommen der Welt.


Zu wenig Investitionen

“Rußland kümmert sich zuwenig darum, neue Reserven zu erkunden und zu erschließen”, kritisiert John D. Grace von der kalifornischen Consultingfirma Earth Science Associates, die die Bewertung von Öl- und Gasressourcen vornimmt. “Es gibt seit den späten 80er Jahren keine aggressive Erkundungspolitik mehr”, sagt Grace. Der 51jährige verfaßte mit “Russian Oil Supply” (2005) ein Standardwerk über den russischen Ölsektor.

In die geologische Erkundung von Öl- und Gas investierte der Staat 2005 nur 580 Mio. Dollar, die Ölkonzerne zwischen 100 und 300 Mio. Dollar. Anatoli Tjomkin, Vize-Minister für Naturressourcen, rechnet vor, daß von 1999 bis 2003 die Ölkonzerne mehr förderten, als sie neue Reserven erkundeten. Die Fördermenge wurde nur zu 85 Prozent ersetzt. Alleine Lukoil konnte kürzlich verkünden, ein neues Feld mit 600 Mio. Tonnen Erdöl entdeckt zu haben – der größte Fund seit Ende der Sowjetunion.

Die fünf größten Ölkonzerne Lukoil, TNK-BP, Rosneft, Surgutneftegaz und Sibneft, haben ihre Felder, auf denen sie mit steigenden Kosten, aber dennoch profitabel Öl fördern. Sie können bei der Rentabilität zwar bei weitem nicht mit Multis wie ExxonMobil, Shell oder BP mithalten. Ihr Interesse, neue Projekte in Angriff zu nehmen, um in die Weltliga aufzusteigen, ist dennoch gering.

“Ölgesellschaften haben einen Planungshorizont von 20 bis 30 Jahren”, sagt TNK-BP-Chef Bob Dudley. In Rußland mit seinen sich stets ändernden Spielregeln können die meisten nur über ein, zwei Jahre in die Zukunft blicken.

Schwaches Wachstum

Während von 2000 bis 2004 die Ölproduktion in Rußland zwischen sechs und elf Prozent jährlich stieg, betrug das Wachstum 2005 nur noch 2,5 Prozent. Für dieses Jahr sagen Experten einen ähnlich geringen Anstieg voraus, ab 2007 könnte die Fördermenge sinken.

Wladimir Milow, früher Vize-Energieminister und nun Präsident des Moskauer Instituts für Energiepolitik, hält die staatliche Einmischung für den Grund, warum es bergab geht. Der Staat sicherte sich die größte Fördereinheit des Ölkonzerns Yukos und übernahm dann Sibneft. “Wenn das Szenario so weitergeht, dann werden die Privatkonzerne bald einen Anteil unter 35 Prozent an der Erdölproduktion halten.” Noch sind es rund 60 Prozent.

Es ist kein Mythos, daß der Staat mit seinen Ressourcen ineffizient haushaltet. So lagen die Staatskonzerne in den vergangenen Jahren beim Wachstum hinter den privaten Ölförderern. Nun hat der Staat die effizientesten Privaten übernommen. Die erste Folge: Einbrüche bei der Fördermenge.

Problem: Die Ölkonzerne kaufen zwar gerne Lizenzen, deren Erwähnung sich in jedem Geschäftsbericht gut macht, trauen sich aber nicht, die Felder zu erschließen. Das hat damit zu tun, daß sich die Regierung nicht entschieden hat, welche Rolle Privatunternehmen überhaupt noch spielen sollen.

Fehlende Sicherheit

Größter ausländischer Spieler in Rußland ist British Petroleum, das sich 2003 das Joint-venture mit TNK 7,5 Mrd. Dollar kosten ließ. Das Risiko, enteignet zu werden, wird bislang fürstlich entlohnt. 2007 könnte BP die Investitionen amortisiert haben, heißt es in der Konzernzentrale. Das Investment ist nichts für schwache Nerven. Mal erhalten die BP-Manager ihre Arbeitserlaubnis nicht, dann tauchen Steuerforderungen in Milliardenhöhe auf, die nach unten revidiert werden. Doch ohne russische Partner geht nichts mehr.

“Der Anreiz, Ausländer mit ins Boot zu holen, wird bei einem Ölpreis von 60 Dollar zunehmend geringer”, sagt Grace. Er vermutet, daß Rußland bestenfalls noch kleinere Aktienpakete an Ausländer verkaufen wird. Eine Rolle dürften sie nur noch spielen, wenn es um die Erschließung technisch diffiziler Förderstätten geht wie vor der Pazifikinsel Sachalin, im arktischen Schelf oder in Ostsibirien.

“Solange ich und Sie leben, wird Rußland eine Energiesupermacht sein. Das Land muß jedoch lernen, seine Ressourcen sinnvoll zu nutzen”, sagt Grace. Einen Beitrag könnten unabhängige kleine Ölproduzenten spielen. “Die sind schneller als die Großen und könnten so manches Feld effizient ausbeuten – wenn man sie nur ließe.” Die meisten der 160 kleinen Produzenten haben indes gegen die Riesen keine Chance. Die nutzen ihre regionalen Monopole aus.

Bis 2020, so eine Analyse der US-Regierung, muß Rußland die Hälfte seines Erdöls aus neuen Feldern speisen. Die alten Felder werden erschöpft sein. “Eine neue Ära verlangt eine neue Öl- und Gaspolitik”, so Milow. “Unter den gegenwärtigen politischen Vorgaben ist eine erfolgreiche Entwicklung neuer Projekte nicht möglich.”

Kein Sand in der Sahara

Ein fairer Zugang für Ausländer, sinnvolle Pipelinerouten sowie ein liberales Steuerregime könnten für Impulse sorgen. Gesellschaften wie Gazprom vergleicht Milow dagegen mit der sowjetischen Planbehörde Gosplan. “Von der hieß es: Wenn sie die Sahara übernimmt, wird dort bald der Sand knapp.”

Artikel erschienen in “Die Welt” am Do, 20. April 2006

Einen Kommentar schreiben