Japans Zentralbank läutet die Zinswende ein

Währungshüter entziehen dem Markt Liquidität – Tokioter Aktienbörse reagiert mit steigenden Kursen

von Bernd Weiler

Seoul/Tokio – Selten ist eine Zinserhöhung so behutsam vorbereitet worden wie jetzt von der japanischen Zentralbank: Während der Direktoriumssitzung wurde – mit sieben zu eins Stimmen – ein Ende der seit fünf Jahren anhaltenden ultralockeren Geldpolitik beschlossen. Eine Leitzinserhöhung geht mit dieser Entscheidung allerdings nicht einher. In den am Donnerstag schriftlich herausgegebenen “Geänderten Richtlinien für Geldmarktoperationen” heißt es lediglich vage, daß die Liquiditätskonten der Zentralbank, bei denen sich japanische Geschäftsbanken frei bedienen können, “reduziert werden”. Dies werde in einem Zeitraum von “einigen Monaten” geschehen. Die Notenbank schöpft damit überschüssige Liquidität ab, die sie in den Jahren der Deflationsbekämpfung in großem Stil in den Geldmarkt gepumpt hatte. Ein Zinserhöhung bezweckt sie zunächst wohl nicht: “Die Bank von Japan wird sich dafür einsetzen, daß der unbesicherte Tagessatz effektiv bei null Prozent bleibt”, so die Währungshütern in Tokio.

Vielleicht war am Aktienmarkt eine deutlichere – und schärfere – Abkehr von der Null-Zins-Politik erwartet worden. Der Nikkei-Index jedenfalls stieg am Donnerstag 2,6 Prozent auf 16 036,91 Punkte. Eine Wende in der Geldmarktpolitik habe der Markt schon in die Kurse “eingepreist”, sagte ein Händler vom Brokerhaus SMBC Securities. So lag der Nikkei, als am Donnerstag noch auf Rauchzeichen aus dem Direktorium gewartet wurde, schon rund 200 Punkte im Plus. Als die Entscheidung der Notenbank dann öffentlich wurde, holte das Marktbarometer Schwung und schloß 409 Punkte höher als am Vortag. “Nachdem der große Moment vorüber war, fiel den Investoren das Kaufen leichter”, sagte Norihiro Fujito, ein Anlagestratege der Mitsubishi UFJ Securities in Tokio.

Wenigstens der Yen reagierte nach dem ökonomischen Lehrbuch: Nach anfänglichem Zögern zog der Kurs der japanischen Währung im Londoner Handel gegen Dollar und Euro an. Sollte dieser Trend anhalten, könnte am Tokioter Aktienmarkt schnell Ernüchterung einkehren, meinten skeptische Aktienanalysten. Wegen des lange Zeit schwachen Yens konnten japanische Exporteure in diesem Geschäftsjahr enorme Währungsgewinne einstreichen: Toyota- oder Canon-Titel waren in den vergangenen Wochen – in Erwartung von Rekordgewinnen zum Bilanzstichtag 31. März – auf historische Höchstkurse geklettert.

Auf die Wende hatte die Bank von Japan mit einer ungewöhnlich langen Seelenmassage vorbereitet. Im Januar 2004 erhöhte die Zentralbank letztmals das Volumen der Liquiditätskonten für die Geschäftsbanken auf einen Korridor von 30 bis 35 Billionen Yen – 214 bis 250 Mrd. Euro. Im Mai 2005 kündigte die Bank von Japan an, sie habe nichts dagegen einzuwenden, wenn dieses Volumen nicht mehr ausgeschöpft werde. Prompt ließ sie diesen Zustand einen Monat später zu – seitdem kursieren die Spekulationen über ein nahes Ende der Null-Zins-Politik. Im September 2005 deutete Notenbank-Chef Toshihiko Fukui erstmals öffentlich eine Wende in der Geldmarktpolitik zum Schluß des japanischen Fiskaljahres (31. März) an. Im Dezember sah er “das Ende nah” und die Volkswirte der Notenbank sagten für das Jahr 2006 einen Verbraucherpreisanstieg von 0,5 Prozent voraus. Nach über sechs Jahren scheint Japan der Deflation zu entrinnen – das ist die gute Nachricht, die auch am Tokioter Aktienmarkt, trotz der zu erwarteten höheren Refinanzierungskosten, honoriert wird.

Analysten weisen zudem darauf hin, daß die Wende am Geldmarkt äußerst sachte vollzogen wird. “Der Kauf langfristiger japanischer Staatsanleihen wird fortgesetzt”, so die Zentralbank. Dies gelte noch für “einige Zeit, in den bestehenden Größenordnungen und Frequenzen”. Damit sichert die Notenbank nicht nur einen Teil der Nachfrage für die – im internationalen Vergleich – niedrig verzinsten Yen-Bonds des Staates, sondern pumpt weiter Zentralbankgeld in den Kreislauf. Bislang kauft die Notenbank im Durchschnitt monatlich für 1,2 Billionen Yen langfristige Staatstitel auf.

Zentralbank-Gouverneur Fukui beschwichtigte die Märkte zusätzlich. Im März werde sich die Liquiditätslage kaum verändern, sagte er am Donnerstag. Und selbst wenn die Liquiditätskonten auf ein Normalmaß zurückgefahren seien, bedeute dies noch lange nicht, daß dann die kurzfristigen Yen-Zinsen zwangsläufig steigen müßten. “Wir werden angemessen vorgehen, um einen Finanzmarktschock zu vermeiden.”

Artikel erschienen in “Die Welt” am Fr, 10. März 2006

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