Japan steht vor der Zinswende
Direktorium der Zentralbank tagt in Tokio – Positive Nikkei-Prognosen für das Frühjahr
von Bernd Weiler
Seoul/Tokio – Während andere Notenbanken das Ruder längst herumgerissen haben, wartet die Bank von Japan noch ab. Seit mehr als fünf Jahren kämpft sie mit ihrer Null-Zins-Politik gegen die Deflation, doch die Phase des billigen Geldes dürfte bald vorüber sein. Äußerungen von Zentralbankchef Toshihiko Fukui wurden von Börsianern schon vor Wochen als vorsichtige Warnung interpretiert: Nicht wenig Analysten orakelten, daß die Zinswende nicht erst im neuen japanischen Geschäftsjahr, also nach dem 1. April, sondern schon im März eingeleitet werden könnte. Entsprechend aufmerksam wird die zweitägige Direktoriumssitzung der Notenbank beobachtet, die an diesem Donnerstag zu Ende geht. Wie üblich haben die Hüter des Yen danach eine Pressekonferenz mit Fukui anberaumt – nach Börsenschluß. Die Spekulationen über den Zeitpunkt des Zinssignals verleiteten am Mittwoch in Tokio zu Gewinnmitnahmen und zur Vorsicht: Bei relativ ruhigem Handel gab der Nikkei-Index 0,6 Prozent auf 15 627 Punkte nach.
Japans Wirtschaft wächst wieder beständig, die Unternehmen investieren, die Konsumenten kaufen. Ein Ende der Deflation zeichnet sich ab, vor allem durch höhere Energie- und Immobilienpreise. Erstmals seit vielen Jahren melden die privaten Banken, daß sie mehr Kredite vergeben. Sogar der für Finanzen zuständige Staatsminister Kaoru Yosano sieht im japanischen Preisgefüge wieder Normalität einkehren. Einen Wechsel der Geldmarktpolitik habe der Aktienmarkt bereits in seine Kursfindung einbezogen, meint Fumiyuki Nakanishi vom Brokerhaus SMBC Securities. Wenn die Notenbank jetzt nicht entscheide, dann eben später.
Am Aktienmarkt rechnen viele Analysten mit einem eher unspektakulären Kursverlauf für den Rest des Monats: Der Nikkei werde zwischen 15 500 und 16 500 Punkte pendeln. Die Zentralbank, so argumentieren Anleihehändler in Tokio, werde zunächst nicht die Zinsen erhöhen, sondern vorsichtig die Liquiditätskonten beschneiden, bei denen sich die Geschäftsbanken frei bedienen können. Damit könne das Überangebot am Geldmarkt langsam abgeschöpft werden. Das derzeit beschränkte Kurspotential und dünne Handelsvolumen schreibt Mamoru Maeda, Analyst von Chuo Securities, zwei negativen Faktoren zu: Dem Schock durch die Betrügereien bei der Internetfirma Livedoor und der Erwartung steigender Zinsen.
Doch die Stimmung könne sich im April und Mai schon ändern, meint Maeda. Er sieht Chancen, daß der Nikkei in den nächsten zwei Monaten bis auf 18 000 Punkte anziehen wird. Robuste Wirtschaftsdaten und ein positiver Tankan-Bericht, der am 2. April zur Veröffentlichung ansteht, könnten den Kursaufschwung unterstützen. Von der anschließenden Bilanzsaison werden überwiegend stabilisierende Impuls für die Tokioter Börse erwartet.
Nach einer Analyse der Wirtschaftszeitschrift “Nikkei Weekly” steuert die japanische Industrie auf neue Rekorde zu. Der konjunkturelle Aufschwung, der im Februar 2002 begann, trete in sein fünftes Jahr. Es bestehe die Chance, daß diese Expansionsphase länger währen könnte, als in den sechziger Jahren – damals ging es mit Nippons Wirtschaft 57 Monate lang bergauf. Wenn das Geschäftsjahr am 31. März endet, könnten die börsennotierten Gesellschaften einen neuen Rekordgewinn ausweisen: insgesamt fast 27 Billionen Yen, rund 190 Mrd. Euro. Das wären nach Erhebungen der “Nihon Keizai Shimbun” sieben Prozent mehr als im vorangegangenen Fiskaljahr. Der Vorsteuergewinn der japanischen Automobilkonzerne werde im Durchschnitt 15 Prozent höher ausfallen. Für die Gesellschaften der Unterhaltungselektronik, für die ursprünglich ein schwächerer Gewinn vorausgesagt worden war, wird nun ein Plus von zwei Prozent erwartet. Japans Stahlbranche rechnet mit Gewinnsteigerungen von bis zu 20 Prozent.
Artikel erschienen in “Die Welt” am Do, 9. März 2006

