Tage des Zorns

Morddrohungen sind ausgesprochen worden, enthemmte Horden stürmen europäische Botschaften. Von seiten der islamischen Geistlichkeit sind mit drohendem Unterton Mahnungen zu vernehmen, der Westen heize durch die Veröffentlichung von Karikaturen des Propheten Glaubenskriege an. Düster beraunt wird das Schreckbild des ermordeten Filmemachers Theo von Gogh, um die europäischen Medien einzuschüchtern. Der Wert der Pressefreiheit, heißt es, sei zu verrechnen gegen religiöse Sensibilitäten, denen eine Darstellung Mohammeds nicht zuzumuten sei.

Die Feststellung ist richtig, aber darum geht es im Streit um die dänischen Karikaturen erst in zweiter Linie. Den Konflikt überlagert eine weit bedeutendere Frage: Welche moralischen Maßstäbe gelten in den aufgeklärten Staaten Europas? Nach welchen Sitten und Regeln haben sich die Minderheiten auszurichten, die in den offenen Gesellschaften auf Gastfreundschaft und grundsätzliches Wohlwollen stoßen? Die Geschichte des Westens ist die Chronik einer leidensvollen Entzauberung absoluter Autoritäten. Der Zerlegung metaphysischer Letztgewißheiten folgte der Fortschritt im “Bewußtsein der Freiheit” (Hegel) im politischen Bereich. Die Demontage glaubensmäßiger Absolutwahrheiten ist eine großartige Errungenschaft der skeptischen Vernunft. Sie sollte nicht rückgängig gemacht werden durch die Wiedereinführung heiliger Zonen, die der säkularen Mehrheit von nicht-säkularen Minderheiten aufgezwungen werden.

Was eigentlich beschädigt und entweiht eine Religion und ihre Stifter? Sind es die unbedarften Karikaturen eines dänischen Zeichners, der sich über die Folgen seiner Bilder nicht bewußt war? Oder sind es die Großverbrechen durch ruchlose Terroristen wie Osama Bin-Laden, die den islamischen Glauben und seine Symbole zur Rechtfertigung ihrer Morde mißbrauchen? Soweit man weiß, ist aus der arabischen Welt gegen Bin-Laden noch keine Fatwa ausgesprochen worden. Die Taten von al Qaida lösen keine Massenmärsche aus. Diese für westliche Betrachter schwer nachvollziehbare Prioritätenordnung müßte von den geistlichen Eliten des Islam einmal erklärt werden. Roger Köppel

Artikel erschienen in “Die Welt” am Sa, 4. Februar 2006

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