Abschied von Mr. Dollar

Dienstag geht US-Notenbankchef Greenspan nach 18 Jahren in Ruhestand – Bernanke tritt ein schweres Erbe an

von Anja Struve

New York – Als Alan Greenspan im Sommer 1987 als Präsident der US-Notenbank Federal Reserve antrat, befanden sich die Finanzmärkte in heller Aufregung. “Der frühere Fed-Präsident Paul Volcker war eine Art Halbgott der Börse. Es wird für seinen Nachfolger schwer werden, dasselbe Format zu erreichen”, warnte das Wall Street Journal.

Am Dienstag wird Greenspan nun selbst nach einer letzten Zinsentscheidung die Geschäfte an seinen Nachfolger Ben Bernanke abgeben. Und das Unbehagen vor dem Wechsel an der Spitze der wichtigsten Notenbank der Welt ist diesmal noch größer als damals. Denn Greenspan, der auf die zweitlängste Amtszeit bei der Fed zurückblickt, ist für viele Börsianer nicht nur der einzige US-Zentralbankchef, den sie je erlebt haben. Der Währungshüter, der Anfang März 80 Jahre alt wird, hat es in den mehr als 18 Jahren zu dem am meisten gefeierten Notenbankpräsidenten der Vereinigten Staaten gebracht. Und zu einem der umstrittensten.

Gefeiert, weil Greenspan es wie kaum ein zweiter verstand, den Kurs der amerikanischen Wirtschaft einzuschätzen und daraus die richtigen Schlüsse für die Geldpolitik zu ziehen. Schon frühmorgens um halb sechs studierte der zweitmächtigste Mann Amerikas, der mit seinen Zinsentscheidungen Einfluß auf die Konjunkturlokomotive Amerika und damit auf die Weltwirtschaft nimmt, täglich von der heimischen Badewanne aus Börsentabellen, Konjunkturdaten, Wirtschaftsstatistiken.

Unter der Ägide des in der New Yorker Bronx geborenen Zahlengenies, das zur Entspannung Aufsätze von Albert Einstein liest, erlebten die USA Anfang der Neunziger Jahre einen zehn Jahre andauernden Rekordboom bei gleichzeitig niedriger Inflation. Unter keinem anderen Notenbankpräsidenten seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gab es so wenige Rezessionen, die noch dazu so milde ausfielen. Auch den Börsianern gefiel diese Mischung. Das US-Aktienbarometer Dow Jones gewann im Schnitt der Greenspan-Jahre fast 20 Prozent jährlich.

Zum Popstar der Börsen avancierte der hagere Währungshüter in den oft schlecht sitzenden Anzügen spätestens Anfang der neunziger Jahre. Damals sah Greenspan, der bis heute keine E-Mails schreibt, den Boom der New Economy richtig voraus und unterstützte die Börsenparty durch ein günstiges Zinsumfeld. “In Greenspan we trust”, brachte das Magazin Fortune die Verehrung der Börsianer zum Ausdruck. “I believe in Greenspan”, räumte der sonst so kritische US-Ökonom Paul Krugman ein. Und als sich die Notenbanker aus aller Welt im Sommer versammelten, um eine Bilanz seiner Ära zu ziehen, da wurde Greenspan gar als “größter Zentralbanker aller Zeiten” gefeiert.

Die beinahe kultische Verehrung seiner Anhänger, gründet darauf, daß Greenspan in seiner Amtszeit unter vier verschiedenen US-Präsidenten eine ganze Reihe schwieriger Krisen gemeistert hat. Seine Bewährungsprobe bestand der ehemalige Wirtschaftsberater Ronald Reagans kurz nach seinem Amtsantritt, als der US-Aktienmarkt im Oktober 1987 ohne Vorwarnung den größten Tagesverlust in seiner Geschichte erlitt. Greenspan schaffte es, die Finanzmärkte durch das Versprechen auf billiges Geld zu stabilisieren. Auf dieses Rezept sollte der Währungshüter auch bei späteren Turbulenzen zurückgreifen: Egal ob während der Währungskrisen in Rußland, Mexiko oder Asien, ob nach dem Platzen der New-Economy-Blase oder nach den Terroranschlägen des 11. September – stets konnten sich die Finanzmärkte auf ihn verlassen.

Doch gerade weil sich Greenspan in Krisenzeiten stets dafür entschied, den Geldhahn kräftig aufzudrehen, hinterläßt er seinem Nachfolger Bernanke jetzt ein äußerst schwieriges Erbe: Die US-Haushalte sind hochverschuldet, in der Leistungsbilanz klafft riesiges Defizit und am Immobilienmarkt hat sich infolge der lockeren Geldpolitik eine enorme Preisblase gebildet, die die Konjunktur bedroht. “Angesichts dieser Risiken ist es zu früh, um jetzt schon eine Bilanz der Ära Greenspan zu ziehen”, sagt Thomas Mayer, Europa-Chefökonom der Deutschen Bank. “Das ist wie im Kino: Wir sind gerade einmal am Höhepunkt des Films angelangt. Noch ist völlig offen, ob das Ganze ein glückliches Ende nimmt.”

Zum Vorwurf machen ihm Kritiker dabei zum einen, daß Greenspan den von ihm selbst frühzeitig erkannten “irrationalen Überschwang” der Börsen Ende der neunziger Jahre nicht rechtzeitig gebremst habe. Und zum anderen, daß er mit seiner extrem expansiven Geldpolitik eine Reihe von Spekulationsblasen zu verantworten habe, die nun das Gleichgewicht der Wirtschaft bedrohten. “Auf den ersten Blick sieht Greenspans Bilanz ganz prächtig aus, weil die Inflationsrate niedrig und das Wachstum stabil ist. Aber der Zahltag kommt noch”, warnt Michael Heise, Chefvolkswirt von Allianz Dresdner Bank.

Das gilt um so mehr, als Bernanke die bestehenden Probleme meistern muß, ohne über den Vertrauensvorschuß seines Vorgängers zu verfügen. Greenspan, der einst als Profimusiker einer Swing-Band begann, bevor er an die Wall Street und schließlich zur Fed wechselte, verstand es meisterhaft, die Finanzmärkte durch beiläufig eingestreute Hinweise in die von ihm gewünschte Richtung zu dirigieren. Den Mythos um seine Person und den Kult um seine verschachtelte Sprechweise, das sogenannte “Greenspeak”, gestaltete er dabei schon früh aktiv mit. “Seit ich ein Zentralbanker bin, habe ich gelernt, bedeutungsvoll zu nuscheln”, gab Greenspan bereits im August 1987 zu Protokoll. Und eine der vielen Legenden, die sich um ihn ranken, besagt, daß er seiner zweiten Frau, der Fernsehjournalistin Andrea Mitchell, dreimal einen Heiratsantrag machen mußte, bevor sie ihn verstand.

Artikel erschienen in “Die Welt” am Mo, 30. Januar 2006

Gutes Gelingen,
Juergen

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