Droge für alle
Kokain erlebt eine Renaissance vom Schickeria-Stoff zur Massenware. Das liegt vor allem am Image als Aufputschmittel für Erfolgreiche
von Torsten Thissen
Christoph M. begrüßt seinen Dealer mit Handschlag. Der Mann im Trainingsanzug sieht verschlafen aus, bedankt sich höflich, als M. ihm die vereinbarten 80 Euro gibt und reicht ihm ein kleines Briefchen mit weißem Pulver. M. lächelt. “Immer gerne”, sagt der Mann im Trainingsanzug, setzt sich wieder in seinen Smart und fährt davon. Es ist 7.30 Uhr am Sonntagmorgen im Berliner Bezirk Mitte, die Party kann weiter gehen.
Knapp eine halbe Stunde zuvor hatte M. den Mann im Trainingsanzug auf dem Handy angerufen. Nach einer durchfeierten Nacht, nach etlichen Wodka-Red Bull und ein paar Joints in den Kneipen, Bars und Clubs der Hauptstadt wollte M. noch mehr Spaß. Er hatte sich für den Morgen mit ein paar Freunden verabredet und versprochen, nicht mit leeren Händen zu kommen. Allen war klar, was er damit meinte: Kokain.
Nicht nur in der Szene der Hauptstadt erlebt die Modedroge der 80er Jahre im Moment eine Renaissance. Kokain ist angesagt. Erste Ergebnisse einer Studie zu chemischen Kokainspuren im Wasser deutscher Flüsse bestätigen jetzt den Trend und lassen nur einen Schluß zu: Die Deutschen konsumieren deutlich mehr Kokain als bislang angenommen. Den Analysen des Nürnberger Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (IBMP) zufolge koksen allein die rund 38,5 Millionen Menschen am Rhein knapp elf Tonnen reines Kokain pro Jahr, wie Messungen in Düsseldorf ergeben haben. Täglich fließt hier das, was von rund 30 Kilogramm übrigbleibt, von den Toiletten Richtung Klärwerk. Im Rheinwasser bei Mannheim wiesen die Wissenschaftler von dem Kokain-Abbaustoff Benzoylecgonin 8,58 Pikogramm pro Milliliter nach, das entspricht 15,9 Tonnen pro Jahr. Der Main bei Frankfurt enthält dagegen nur etwa 2,56 Pikogramm pro Milliliter oder 220 Kilogramm pro Jahr und verdünnt entsprechend die Konzentration im Rheinwasser.
Im Unterschied zu früher gehört das weiße Pulver, dem die Konsumenten den lyrischen Namen “Schnee” gegeben haben, nicht mehr nur bei den Reichen und Schönen zu einer gelungenen Feier. Kokain ist erschwinglich geworden. Daran ändern auch die vermehrten Bemühungen deutscher Fahnder nichts. Im Jahr 2004 wurden in Deutschland nur 969 Kilogramm Kokain sichergestellt. Auch die Zerschlagung einer in Kolumbien und Hamburg ansässigen Bande in dieser Woche durch die Spezialisten des Bundeskriminalamtes vermag den Vormarsch der Droge nicht zu verhindern. An die Stelle des als “Schneekönig” bekannt gewordenen 55jährigen Anführers der Gruppe tritt bald ein anderer.
Rolf Hüllinghorst von der deutschen Hauptstelle für Suchtfragen sieht Kokain zwar noch nicht auf den Weg zu Volksdroge, doch “der Preis ist in den vergangenen Jahren zurückgegangen”, sagt er und “ein halbwegs gut verdienender Mensch zahlt seine Kokainsucht heutzutage einfach vom Gehalt.”
Auch Christoph M. ist kein Großverdiener. Als Jura-Student finanziert er seinen “gelegentlichen” Kokainkonsum mit ein paar Nebenjobs in Kneipen und der monatlichen Unterstützung seiner Eltern. In der Hauptstadt ist ein Gramm der Droge inzwischen schon für 50 Euro zu haben. “Es ist wie beim Champagner. Seit es den bei Aldi gibt, kaufen ihn schließlich auch normale Leute”, sagt M.
Und trotz der neuen Discounter-Qualitäten behält der “Schnee” sein strahlendes Image. Dafür sorgen schon die Vorbilder in den Hochglanzmagazinen.
Beispiel Kate Moss: Im September dieses Jahres zeigte die Zeitung “Daily Mirror” das britische Supermodel koksend auf der Titelseite. Im Zuge der Veröffentlichung kam heraus, daß die Mode-Ikone über Jahre Kokain konsumiert hatte; es gab sogar Videos, auf denen sie innerhalb kürzester Zeit mehrmals schnupfte. Moss verlor ihre Werbeverträge und mußte öffentlich bereuen. Die 31jährige ging auch in eine Entzugsklinik, doch kaum drei Monate später zeigt sich das Modell schön wie eh und je beim Sonnenbaden auf Ibiza. Inzwischen wird sie wieder für Fotoshootings gebucht, das Sorgerecht über ihre Tochter wird sie behalten. Für die Memoiren ihrer Kokain-Sucht soll es sogar ein Angebot über 4,5 Millionen Euro geben.
In Deutschland sorgte im August eine Feier bei Deutschlands größtem Medienkonzern für Aufregung: In der Berliner Repräsentanz von Bertelsmann, wo normalerweise Vorstand und Aufsichtsrat gern ihre Sitzungen abhalten, feierte die Band “2Raumwohnung” eine wilde Party. Das Personal berichtete nachher von exzessivem Kokainkonsum auf den piekfeinen Toiletten. Außerdem kam es zum Beischlaf auf Konferenztischen, die Gäste des konservativen Gütersloher Milliardenkonzerns boten den Hostessen Drogen an und bedrängten sie sexuell. Konsequenzen gab es keine.
Kokain als Droge der Erfolgreichen ist ein Klischee, das nicht auszurotten ist. Für Hüllinghorst ein Grund für die hohe Anzahl von Neukonsumenten in Deutschland: Seit 1985 ist sie um das zehnfache gestiegen, im vergangenen Jahr weise die Kriminalitätsstatistik eine Steigerung um elf Prozent aus. Auch habe Kokain das Heroin nahezu verdrängt. Der Grund dafür sei auch nicht zuletzt ein psychologischer. Niemand, so der Experte, wolle sich mit den Junkies am Bahnhof identifizieren, die Passanten um ein paar Euro anschnorren. Der Drogensüchtige des neuen Jahrtausends benutzt statt Löffel und Einwegspritze einen Hundert-Euro-Schein und die Kreditkarte, um seine Sucht zu befriedigen. Heroin gelte gemeinhin als “Loser-Droge”, bei den Kokainkonsumenten der Republik.
Kriminalisten berichten allerdings auch von anderen Gründen für den steigenden Kokainkonsum. Und die sind ökonomischer Natur. Seit sich in der Behandlung Heroinabhängiger die Therapie mit Ersatzstoffen durchgesetzt habe, seien die Gewinnspannen für die Dealer hier nicht mehr so hoch. Die Methadonprogramme haben nicht nur zu einem Rückgang der sogenannten Beschaffungskriminalität geführt, sondern auch dazu, daß die Drogendealer in den Städten ihre besten Kunden verloren haben. Vermehrt sei deshalb Kokain auf den Markt geworfen worden. “Für Kokain gibt es keinen Ersatzstoff. Außerdem paßt es nicht zum Selbstbild des Kokainsüchtigen, wenn man ihn mit anderen Abhängigen in einen Topf wirft”, sagt Torsten Kinast von der Drogenberatung an der Berliner Charité. Zum Teil registrierten die Süchtigen ihre Krankheit gar nicht, da die körperlichen Auswirkungen des Koksens nicht so offensichtlich seien wie beim Heroin. Anders als Haschisch-Raucher und Heroinsüchtige bleiben Kokain-Konsumenten oft unerkannt.
Artikel erschienen in der „Die Welt“ am Fr, 11. November 2005


Am 7. Mai 2006 um 17:46 Uhr
“Die CSU will kein Heroin auf Rezept
von Hans-Jürgen Leersch
…, klagt der nordrhein-westfälische CDU-Abgeordnete Jens Spahn. Statt die Freigabe von Heroin für Schwerstabhängige zu planen, müsse die Bundesregierung mehr bei Suchtproblemen mit Cannabis oder Ecstasy tun…”
Artikel erschienen in Die Welt am Sa, 6. Mai 2006
Gutes Gelingen,
Juergen