Komisch
Analysten, Politiker, Wirtschaftsbosse (siehe Beitrag „Öl langweilt mich“ vom 15. September 2005) haben sich mal wieder als echte Experten erwiesen bei der Vorhersage der weiteren Ölpreisentwicklung. Einen zuverlässigeren Indikator kann es gar nicht geben. Am Ende eines siebenjährigen Aufwärtstrends, am absoluten High meint jeder noch mal bullish sein zu müssen. „Öl kann so weit steigen, wie man es sich in seiner kühnsten Phantasie nur vorstellen kann.“ …nur dass wir nicht in einer Traumwelt leben.
Wo sind die Träumer von vor 2 Wochen hin? Komisch, dass es ums Öl plötzlich so still geworden ist. Wo sind die ganzen Marktschreier, die am absoluten Top des Ölpreises noch mal Panik geschoben haben und alle reinjagen wollten? Wo sind Sie?
Wo sind die Heizölhändler, die noch mal schnell Ihre Lagerbestände loswerden wollten, weil’s ja sonst zu Lieferengpässen vor dem Wintereinbruch kommen könnte?
(siehe Beitrag „Benzin- und Heizölpreise anders als Ölpreise“ vom 26. September 2005)
Möchte Chief Economist und Chief Strategist Jeff Rubin von CIBC World Markets vielleicht seine Studie noch mal überdenken? Order möchte er nach dem Prinzip Hoffnung an seiner Studie festhalten und sieht immer noch einen Ölpreis von um die 100 US Dollar pro Barrel „sooner than later“…?
(siehe Beitrag „Öl geht auf unendlich“ vom 16. September 2005)
Was sagt die Deutsche Umwelthilfe, die noch am 23. September 2005 bei einem Rohölpreis von um die 65 USD pro Barrel einen Benzinpreis von 1,80 Euro pro Liter für das Jahresende prognostizierte?
(siehe Beitrag „Benzin- und Heizölpreise anders als Ölpreise“ vom 26. September 2005)
Und was glaubt das Deutsche Institut für Wirtschaft (DIW) heute, nachdem es vor zwei Wochen glaubte, dass der Benzinpreis heute bei 1,50 Euro pro Liter ist?
(siehe Beitrag „Benzin- und Heizölpreise anders als Ölpreise“ vom 26. September 2005)
Was sagt das Deutsche Bank Research heute? Nachdem es am Top des Rohölpreises Benzinpreise von um die 1,50 Euro pro Liter nicht ausschließen wollte? Sich schön der allgemein vorherrschenden Meinung anpassen und ja keine eigene Stellung beziehen. Dann kann einem nichts passieren…weil ja alle so dachten.
(siehe Beitrag „Benzin- und Heizölpreise anders als Ölpreise“ vom 26. September 2005)
Und ich frage noch mal, warum hat unter anderem Total noch mal schnell die Benzinpreise erhöht, obwohl die Rohölpreise bereits rückläufig waren? Und wieso sind die Spritpreise an der Tanke nicht wieder billiger geworden, Freunde des schnellen Spiels?
(siehe Beitrag „Benzin- und Heizölpreise anders als Ölpreise“ vom 26. September 2005)
Fragen über Fragen. Tja…der Grund für das plötzliche Schweigen ist auf diesem Chart zu erkennen:

Wahrscheinlich war es einfach leichter am all time high sich an der Panikmache zu beteiligen und dem „kleinen Mann“ zu empfehlen seinen privaten Heizöltank noch mal richtig voll zu machen…als jetzt vorzutreten und die Fehleinschätzung einzugestehen.
Öl ist nur wenige Tage nach der Euphorie um mehr als 10% vom Top gefallen! Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen…10%. Wenn man sich mal überlegt, dass Rohöl einer der größten und wichtigsten Märkte überhaupt ist…und wie viel Milliarden an imaginärem Gegenwert hier in den letzten Tagen geschaffen und wieder vernichtet wurden…das ist unglaublich! Und nicht irgendwelche „0815“-Typen, sondern hochkarätige Experten gießen „Benzin“ ins Feuer der Übertreibung. Sauber, sag ich. Schön das High markiert…
Das Ende eines bull markets war selten so leicht vorauszusehen wie dieses Mal im Rohöl. Ich schließe nicht aus, dass es noch mal eine Gegenbewegung geben kann…aber die Öl-Hausse ist vorbei.
Gutes Gelingen,
Juergen
Ps. Ich gehe jetzt frühstücken.


Am 21. November 2005 um 18:15 Uhr
Übrigens…am 12. Oktober 2005 hat das Deutsche Institut für Wirtschaft (DIW) wie ein Fähnlein im Wind plötzlich ausgesagt:
“Den derzeitigen Rohölpreis bezeichtnet das DIW angesichts der ausreichenden Bestände als “übertrieben hoch”. So sei die “Preishausse” von einer erhöhten Nachfrage vor allem aus China bei gleichzeitig voll ausgelasteten Förderkapazitäten und Produktionsausfällen ausgelöst worden. Spekulationen hätten diese Entwicklung noch verstärkt.”
Quelle: Die Welt vom 13. Oktober 2005
Tja, man muss Ihnen zu Gute halten, dass sie sich schnell gedreht haben…das ist aber auch schon alles. Ihr unverantwortliches und leichtfertiges Verhalten als meinungsbildendes Institut gegenüber der Bevölkerung bleibt unverziehen.
Gutes Gelingen,
Juergen